Begehungen Chemnitz

Jette Rüdiger • 15. Juni 2026

Wenn ein leerstehendes Theater wieder spricht

Außenansicht eines modernen Gebäudes mit einem roten Schild, eingerahmt von Backsteinmauern und einem überdachten Gang.

Manche Orte in Chemnitz werden nicht einfach bespielt. Sie werden befragt.

Genau das macht das Kunstfestival Begehungen seit vielen Jahren. Es geht nicht darum, Kunst an einen beliebigen Ort zu bringen. Es geht darum, Räume zu öffnen, die etwas erzählen. Von ihrer früheren Nutzung. Von Leerstand. Von Stadtentwicklung. Von dem, was bleibt, wenn ein Gebäude plötzlich nicht mehr selbstverständlich Teil des Alltags ist.


Das Festival wurde 2003 in Chemnitz gegründet. Was viele nicht wissen. Die erste Ausgabe fand in zwölf leerstehenden Ladengeschäften auf dem Sonnenberg statt. Aus dieser Idee ist eines der etabliertesten Kunstevents Sachsens gewachsen. Später zog das Festival auf den Brühl, dann immer weiter durch besondere Orte der Stadt und der Region. Ein ehemaliges Gefängnis, verlassene Kleingärten, eine alte Brauerei, ein trockengelegtes Spaßbad, ein verwilderter Bahnhof und 2025 das stillgelegte Heizkraftwerk Chemnitz Nord waren bereits Teil dieser Geschichte.


Diese Orte sind nicht nur Kulisse. Sie verändern die Kunst. Und die Kunst verändert den Blick auf die Orte.


Unter dem Titel „In der Vorstellung“ setzte sich die Ausgabe im Juli 2026 mit der Frage auseinander, wie Wirklichkeit entsteht. Gerade jetzt ist das ein Thema, das Chemnitz weit über den Festivalzeitraum hinaus beschäftigt. Digitale Medien, künstliche Intelligenz, öffentliche Erzählungen und politische Bilder prägen, was wir sehen, glauben und weitergeben. Die Begehungen nehmen diese Gegenwart ernst und machen sie sichtbar.


Dafür kommen internationale und nationale künstlerische Positionen nach Chemnitz. Mit dabei sind unter anderem Cindy Sherman, Hito Steyerl, Erwin Wurm, Danica Dakić, Jana Gunstheimer, Anna Ehrenstein und viele weitere Künstlerinnen und Künstler. Schon diese Namen zeigen, dass die Begehungen längst nicht mehr nur ein Chemnitzer Geheimtipp sind. Das Festival hat sich etabliert und zieht Menschen an, die für Kunst, Architektur und besondere Festivalorte extra nach Chemnitz reisen.


Für uns als c/o56 Chemnitz sind die Begehungen mehr als ein Veranstaltungstipp. Wir unterstützen das Format seit dem vergangenen Jahr, weil es genau das zeigt, was Chemnitz besonders macht. Diese Stadt nutzt ihre Brüche nicht als Schwäche. Sie schaut hin. Sie öffnet Räume. Sie denkt weiter.

Wer Chemnitz wirklich verstehen möchte, sollte die Begehungen nicht nur besuchen, sondern sich Zeit dafür nehmen. Für das Schauspielhaus. Für die Kunst. Für die Gespräche zwischendurch. Und für den Moment, in dem ein leerstehender Ort plötzlich wieder etwas zu sagen hat.

Vom c/o56 Chemnitz aus ist das Festival gut erreichbar. Damit wird ein Aufenthalt in Chemnitz zu mehr als einer Übernachtung. Er wird zu einer Begegnung mit einer Stadt, die ihre Zukunft nicht glatt erzählt, sondern sichtbar macht.


Unsere Idee für morgen

Chemnitz braucht Orte, die nicht nur bewahrt, sondern neu gedacht werden. Die Begehungen zeigen, wie viel Kraft in Räumen steckt, die auf den ersten Blick still geworden sind. Unsere Idee für morgen ist deshalb eine Stadt, die Leerstand nicht übersieht, sondern als Möglichkeit begreift. Für Kunst, für Begegnung, für neue Perspektiven. Und für Menschen, die nach Chemnitz kommen, weil hier nicht alles fertig wirkt, sondern vieles im Entstehen ist. Genau darin liegt der Reiz.

Nah dran. Weit gedacht.

Leerer Theatersaal mit Reihen überdachter Sitze und gedämpfter Deckenbeleuchtung
Ein schmaler Industriekorridor mit durchscheinenden Plastikvorhängen an den Seiten, der von Sonnenlicht beleuchtet wird.
Wand im Flur mit Spiegeln und einem schwarzen, handgeschriebenen Zitat.
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